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Zahnbehandlung
Wurzelbehandlung
Ab dem 30. Lebensjahr werden Besuche beim Zahnarzt häufiger. Meist hat Karies über die Jahre an der Zahnsubstanz genagt. Dann stehen plötzlich gröbere Renovierungsarbeiten an, im ungünstigsten Fall sogar Wurzelbehandlungen. Die, sagen Zahnärzte, gälte es zu vermeiden.
Wer mit weit aufgerissenem Mund auf dem Zahnarztsessel liegt, hofft meistens nur eines: Dass es schnell vorbeigeht. Jeder Bohrer ist zu laut, alles findet zu nahe am Hirn statt, und auch der netteste Zahnarzt kann Behandlungen nicht angenehm machen. Vor allem: Je öfter plombiert wurde, umso schwerwiegender werden die Prozeduren, die zum Erhalt eines Zahnes notwendig sind. „Kritisch wird es, wenn sich Karies zu nahe an den Nerv im Inneren des Zahnes durchgefressen hat, weil dann die Gefahr besteht, dass Bakterien in den Wurzelkanal eindringen und dort Entzündungen auslösen", sagt Roberto Lhotka, Zahnarzt in Wien. Patienten kommen in so einem Fall mit Zahnschmerzen in die Ordination, und so wie sein Kollege Oliver Reistenhofer, ebenfalls Zahnarzt in Wien, versuche er dann noch eine Zeitlang, einen problematischen Zahn zu retten und eine bestehende Entzündung durch medikamentöse Einlagen wieder in den Griff zu bekommen. „Man hofft, dass eine Kalzifizierung im Dentin, der Schicht um den Wurzelkanal herum, stattfindet", erklärt Reistenhofer. Wenn das aber nicht passiert und die Entzündung weiterbesteht, ist eine Wurzelbehandlung unausweichlich.
Endstation Ruine
Was dann passiert? Der Zahn wird aufgebohrt, Karies entfernt und die Wurzelkanäle vom entzündeten Nerv und dem Gewebe im Zahninneren gereinigt. Zum einen passiert das mechanisch mit spiralförmigen Miniaturfeilen, die sich durch die feinen Kanäle, die mitunter auch gewunden sein können, durchschrauben lassen. Zum anderen wird mit Natriumhypochlorid-Spülung gearbeitet, um auch jene Bakterien abzutöten, die sich in den haarfeinen Seitenkanälen und -Verästelungen angesammelt haben. Ist das geschehen, wird der Kanal meist mit Guttapercha, einem kautschukähnlichen Material, aufgefüllt. „Abfüllen", heißt das im Zahnarztjargon.
Allein: „Ein wurzelbehandelter Zahn ist medizinisch betrachtet totes Material, das im Körper verbleibt, nicht mehr mit Nährstoffen versorgt wird und irgendwann abbrechen kann", sagt Lhotka. Und auch ein wurzelbehandelter Zahn kann sich erneut entzünden, nämlich dann, wenn Bakterien in den unzugänglichen Nebenkanälen der Wurzeln verbleiben; bei rund 20 Prozent aller Wurzelbehandlungen sei dies der Fall, schätzt Reistenhofer und betont, dass der Erfolg immer von der Behandlungsmethode abhängt. „Je genauer und qualitativ hochwertiger gearbeitet wird, umso geringer ist das Risiko sowohl bei Karies- als auch Wurzelbehandlungen, noch einmal kommen zu müssen.
Übrigens: Karies ist nicht der einzige Grund für Wurzelentzündungen, sie können auch durch Unfälle, die durchaus auch schon länger zurückliegen können, ausgelöst werden.
Und genau um dieses Restrisiko geht es in der Forschung. „Die Anatomie des Zahnes ist gut erforscht, wir arbeiten daran, das Zahninnere besser reinigen zu können," erklärt Matthias Holly, Endo-dontologie-Experte an der Universitätszahnklinik der Med-Uni Wien. Geforscht wird an drei Fronten: Methodisch versucht man, die Desinfektion durch Laserbehandlungen in den Seitenarmen der Wurzelkanäle zu verbessern beziehungsweise den Säuberungsprozess durch das Arbeiten mit Mikroskopen perfekter zu machen. Instru-mententechnisch setzt man Nickel-Titan-Feilen ein, „weil sie flexibler als die Stahlfeilen sind und sich den Krümmungen der Kanäle leichter anpassen können", erklärt Holly. Und drittens: Werden neue Abfüllmaterialien, etwa die Kunststoff-Zement-Mischung Resilon, ausprobiert. „Im Gegensatz zu Guttapercha verbindet sich Resilon fixer mit der Wurzelkanalwand und wird dadurch stabiler und dichter", sagt Holly.
Was Technik bringt
Zum Teil werden diese neuen Methoden bereits in den Zahnarztpraxen angewendet. Allerdings selten bei Behandlungen, die von der Krankenkasse bezahlt werden. Wer zahnärztliche Feinarbeit will, muss selbst zahlen. Das hat strukturelle Gründe. Für eine Wurzelbehandlung bekommen Zahnärzte derzeit 135 Euro. „Unser Gesundheitssystem arbeitet nach dem Fließbandprinzip. Für die Reinigung aller Wurzelkanäle braucht man Zeit, mitunter kann eine Behandlung auch zwei oder drei Stunden dauern, dann ist sie aber perfekt", sagt Lhotka, der neben Laser und Mikroskopen im Vorfeld auch die Länge der Wurzelkanäle vermisst, um im Reinigungsprozess bis ans Ende der Wurzel vordringen zu können. Bei Privatpatienten arbeitet Reistenhofer mit Soft-Laser.
„Mit der Mikroskopzahnheilkunde kommt es in 98 Prozent aller Fälle erst gar nicht zu einer Wurzelbehandlung," ist der Wiener Zahnarzt Klaus Kotschy überzeugt, „einfach deshalb, weil ich damit viel mehr sehe als ohne und deshalb genauer arbeiten kann", sagt er. Vor allem bei Wurzelbehandlungen seien Mikroskope wichtig, denn Zähne haben mitunter mehrere Wurzelkanäle, die in einer Krankenkassen-Standardbehandlung nicht unbedingt alle behandelt zu werden brauchen. Die Zwei-Klassen-Medizin sei, so Kotschy, in der Zahnmedizin längst schon Wirklichkeit.
Quelle: Karin Pollack, Der Standard
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